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Historische Aufzeichnungen zu einem Mühlenbauer …

27. Dezember 2015

Historische Aufzeichnungen zu einem Mühlenbauer und der Plückemühle –
200 Jahre alte Begebenheit ist Marsbergs Fundstück des Monats Dezember

Obermarsberg. Am Anfang des 20. Jahrhunderts wurden die Reste der Plückemühle im Glindegrund von den Halden der Kupferhütte verschüttet. Darin verbrachte der damalige Schriftsteller Bernhart Rehse bei Hüttenmeister Lüchtrath herrliche Ferienwochen.

Der Marsberger Geschichts- und Heimatverein „Marsberger Geschichten – Schlüssel zur Vergangenheit e. V.“ erhielt für das Museum „Haus Böttcher – Marsbergs Haus der Geschichte aus 1589“ aus „Rehses-Nachlass“ verschiedenste Aufzeichnungen. Diese Dokumente wurden nun zu Marsbergs Fundstück des Monats Dezember 2015 prämiert. Der Sauerlandkurier stellt hierzu exklusiv die Hintergründe vor.

Mit der Plückemühle hängt auch eine niedergeschriebene Dokumentation „Rehses“ aus der Zeit vor 200 Jahren zusammen: Der König von England brauchte Soldaten, um die rebellischen Kolonisten in Nordamerika wieder unter die Krone Englands zu zwingen. Der Kurfürst von Hessen-Kassel wiederum brauchte Geld, um seine prunkvollen Bauten zu vollenden und seine galanten Frauen zu ergötzen. England gab das Geld, Kassel die Soldaten. Die Häscher des Kurfürsten zogen durch das Land und holten den Bauern vom Pflug, den Handwerker aus der Werkstatt. Die Tore der Kaserne verschlangen die Männer.

Wo die Diemel in die Weser mündet, hatten die Kurfürsten den „Carlshafen“ angelegt. Von hier aus gingen die Schiffe den Weserstrom hinab bis ans Meer. Der Mühlenbauer Christian Dietrich Rade hatte nach langer Wanderfahrt seine Werkstatt aufgeschlagen. „Bis weit ins Westfälische hinein liefen in der Diemel und in ihren Bächen seine Mühlenräder. …und im Hause sang seine junge Frau, die er sich aus der Plückemühle bei Marsberg im Diemeltale geholt hatte“. Rade ergriff der „Gestellungsbefehl“. „Er riß das Papier in Fetzen und warf die Häscher durch das Werkstattfenster hinaus. Zu sechst kamen sie wieder und schleppten ihn nach Kassel in die Kaserne.“ In der Nacht brach er aus und forderte sein Recht vor dem Richter. Die Richter steckten die Köpfe zusammen und erklärten, den Fall der kurfürstlichen Kanzlei vorlegen zu wollen. Man brachte ihn ins Gefängnis zurück. Christian Dietrich schrieb an den Vater und machte eine Eingabe an die herzogliche Kanzlei. Der Herzog wollte es sich aber mit dem Vetter in Kassel nicht verderben. „Aber wenn er an seiner Stelle wäre, dann wäre er lieber Soldat als Gefangener. Ein Soldat habe Füße zum Laufen.“ Rade ließ sich darauf den „Soldatenrock anziehen“. Als sein Bataillon in „Carlshafen“ eingeschifft wurde, erhielt er Urlaub, um von seiner Frau Abschied zu nehmen. Er sprach zu ihr, sie solle die Tränen aus den Augen wischen. Seine Fahrt ginge nicht nach Amerika. Morgen solle sie die Botenfuhre nehmen und die Diemel aufwärts zur Plückemühle reisen. Dort solle sie bleiben, bis sie Nachricht von ihm erhielte.

Das Schiff legte ab. Christian Dietrich Rade wartete auf seine Stunde. Er kannte den Strom und seine Ufer von mancher Fahrt. Um aus dem großen Raum unter Deck, der unter scharfer Bewachung stand, herauszukommen, hatte er sich krank gemeldet. „Mühlenbauer haben alle das Reißen, wenn sie über Wasser fahren“, hatte der Arzt, seiner Krankheit Glauben schenkend, gesagt und hatte ihn in die Revierstube gesteckt. Hier war die Bewachung für ihn ohne Gefahr. Rade ging von Bord. „Die Alarmglocken schlugen! Der Wachoffizier stürzte aus seiner Kajüte. „Mann über Bord!“ meldete Steuerbord. Kommandorufe. Das Schiff stoppte. Die Wachen traten an. Zwei Boote gingen zu Wasser, Fackeln leuchteten über den dunklen Strom, Gewehrsalven krachten.“ … „Der Spuk auf dem Wasser zerstob. Das Schiff glitt weiter die Weser hinab. Auf der Bataillonsliste wurde ein Name gestrichen.“

Christian Dietrich schlug sich durch Ravensberg ins Paderborner Gebiet. In Lippstadt fand er bei einem Meister Arbeit und Brot. Ein Bote brachte in die Plückemühle bei Marsberg einen Brief. Der Mühlenbauer rief seine Frau nach Lippstadt. Der Müller antwortete, die Tochter wäre nicht in der Heimat. Man habe keine Nachricht von ihr. Da hielt es den Mühlenbauer nicht in der Fremde. Eines Nachts stand er in „Carlshafen“ vor seinem Haus. „Ein Kind weinte auf. Die Nachbarin legte es ihm in den Arm. Es war sein Knabe. Seine Frau? Man senkte den Kopf. Sie lag auf dem Friedhofe.“

Seine junge Frau konnte die Rückreise ins Westfälische nicht antreten, weil, wohl durch die Aufregung des Abschieds beschleunigt, ihre schwere Stunde kam. Das Kind wurde geboren und alles war gut. Am dritten Tage kam der Büttel mit einem Schreiben vom kurfürstlichen Amt: Der Mühlenbauer sei bei dem Versuch zu desertieren, in der Weser ertrunken. Das Eigentum eines Deserteurs sei dem Fiskus verfallen. Die Frau sei in Haft zu nehmen und zur Verfügung des kurfürstlichen Gerichts in Kassel zu halten. Am andern Tage war sie tot. Rade ließ daraufhin sein Kind nach Marsberg zu seinen Schwiegereltern bringen und sühnte den Tod seiner Frau.

Die Urkunden: „Der Amtmann von Carlshafen kehrte von einer Jagd nicht zurück. Auch seine Leiche konnten die besten Spürhunde des Kurfürsten nicht finden.“ Sein Haus ging eines Nachts in Flammen auf. Die Carlshafener hörten den Feuerlärm, aber sie blieben in ihren Betten. Auf den kurfürstlichen Domänen flog der „rote Hahn von Dach zu Dach“. Der Kurfürst raste und setzte hohe Belohnungen aus. Der Täter wurde aber nie gefasst.“ Als der Pagenhof in Flammen stand, schrie die Pächterin auf. Im zweiten Stock lag ihr Knabe in der Wiege. Die kopflose Wärterin hatte sich gerettet und das Kind vergessen. „…Da stürzte ein verwildert aussehender Mann aus den Büschen, setzte die Leiter an und sprang in die Flammen. Den Knaben warf er unversehrt in das bereitgehaltene Tuch. Als er den Fuß auf die Leiter setzte, brach die Wand zusammen.“ Am nächsten Tage fuhr der Botenfuhrmann von „Carlshafen“ vorüber und sah den Toten. Er meinte: „Wenn das kurfürstliche Amt nicht vermeldet hätte, daß Christian Dietrich Rade in der Weser ertrunken ist, so möchte ich schwören, daß der Tote der Mühlenbauer ist.“

Nähere Informationen zum Fundstück des Monats finden Sie unter: www.Marsberger-Geschichte.de

Fotos im Anhang:

01 Das Foto zeigt das Glindegrund von Obermarsberg, dem ehemaligen Standort der Plückemühle, mit Blick auf die Leitmarer Straße (Hasental) und den Höling um 1925.

02 Das Hochzeitsfoto von Elisabeth Koch (Plückemüllers) und August Thiele jun. wurde am 20.11.1919 vor der Thielenmühle im Glindegrund 1 von Obermarsberg aufgenommen.

03 Diese Luftaufnahme ist aus ca. 1949. Sie zeigt den Wulsenberg, die Leitmarer Straße, das Glindegrund, die damaligen Städte Obermarsberg und Niedermarsberg.