Das Heimat-Portal für das Sauerland, Paderborner, Warburger und Waldecker Land
Sauerland, Paderborn, Höxter, Waldeck

Eine Schäfer-Geschichte und das Schäferlied

29. Oktober 2017

Plattdeutsches von Margot Schmidt aus Willingen-Neerdar mit hochdeutscher Übersetzung

 

Schäpervertelleken

In freuhjeren Johren wuhnten in vielen Hüsern mehrere Generationen tesammene.

Sau wor dat in unserem Huse auk. Wie hadden enen alden Unkel. Hei wor von Beruf Schkäper. In jungen Johren wor hei in dern Nobberdörpern bi dern Buren un hotte dern äre Schkoppe. De Schkoppe woren genügsam, denn up den Wiesen, wo se grasseden, wor de Boden steinig und tau dern Regensiden saftig und greun. Sau kam unsere Petter, wie wir hei nannten, viel in der Gigend rümmeher. Hei hotte auk bi dern Schkäpern an der Weser un in Iserlaun. In düsser Tied hadde ick viele Kinderdage mid erm verbrengen können. Im Laupe der Johre hadde hei sinne eigene Herde, mit sinnen beiden Schkäperhunden, de bi uns nachts in dern Hundhütten ungergebracht woren. Wenn ick nit tau Schkaule moßte nam hei mik mol midde. Dann gingen we te Faute der Sundere, Büh oder der Seere rupp. Ungerwegens zeigede mi, unsere Petter, enen Steinbrück mid Muß betogen.

Dat wor ene Hasenkuhle, do woren an enem dicken Baumstamme graute Löcher tesehne, dat woren Wuhnungen von enem Specht. De woren sau graut gebugete Ameisennester, bi dennen de Arbeder do emsig tegangene woren. Up enmol kam en Uhu äber uns geflogen. Langwillig wor ert mi nie. Do kamen we tau sinnen Schkopen. De woren in dern Hören up derm Luzernenfelde bi Wellerkisen (we särchten, up der Halle). Jetzt woren de Hören upgemacht. Die Hunde, Prinz un Munter, se woren vom Unkel instruwiert, wie se laupen moßten un dann worde ene bestimmte Gigend gehoht. Nun hadde ik Hunger, dat Hasenbraut (Klappstücke, mit rauder Worst, Hawermegger oder gekockedem Ei), Appele un Bären woren herbigekromet. Dobi hadde de Petter de Schkoppe ümmer im Auge, dat ken Lamm verloren ging.

Dann wor auk mol en Schkop am humpeln. Petter nam dern Stabestock ümme dat Schkopsbein un peck ert für siek. Mit derm Taschkenmesser prückelde sau lange in derm Kleggen rümme, bis ert wieder laupen konnte. Auk makte mi hei vom Haselnutbusch enen dickeren Ast aff un beschnitt dern in en paar Stellen. Dat wor ene Fleutepiepe. Mit saum paar greunen Bläddern konnt man Musik maken. De hel me för de Lippen, dat ert fibriete.

De Rehe un Hasen, Föße, Eickhörnerkes un Ülen, sau wie de Fleddermüse, de dagsöber unger dern Schkürendäckern hingen, hadde ick te sehne bekümmen. Ach, wat wor dat schön, wenn we im Berge bi den kleinen Biken datt Watter drinken konnten, wenn auk de Müggen do dröber floggen, man machte de Hänge tau ener Mulde un sau flott dat Watter dorin un nu konnten we dat schlürfen. Ert gaf noch viel im Berge oder up dern Lichtungen, auk Erppeln habbe ick plucht, Himmern und Kronnoggen woren genauch do, dat wor für uns Kingere Abwechselunge un we hadden wot te daune. In düser Tied habbe ick einiges lehrt un sau bliwet dat in Erinnerunge.

Im Winter woren de Schkoppe bi uns in der Schküre, auk mol im alden Schkoppestalle bi unsem Nobber. Nu moßten se gefaudert weren, dann droffte ick hilpen. Heu und Strau wohr äre Nahrunge. Im Freuhjohr kamen de kleinen Lämmere up de Welt, de moßten manchemole mid de Flaschke gefaudert werden. Dat wor ene fine Abet für mik.

Im Summer, wenn de Unkel un ick ungerwegens woren, wor ert of späde, wenn we wieder no Heime kamen. Oft bliefte de Petter auk nachts bi sinner Herde, dann schleep hei in sinnen Schkäperwagen. Do verbrachte hei de Tied midde saun paar Ledern up dern Lippen. Un nu will ick ente fürlesen:

 

Schkäperlied

Der alde Schkäper

 

Steiht öberm Dorpe de erste Stern

un werd ert langsam Nacht,

dann hält de alde Schkäper noch

bi sinner Herde wacht.

 

Geht dann de runde Vullmond up,

wert ert Stille ganz ganz wiet,

dann singed der Alde liese

en Lied ut de Jugendtied:

 

Ref: De alde Schkäper up einsamen Felde

Kennt sinne Herde un auk de Welt.

Hei lächelt wiese, weil hei ert versteiht,

dat Glücke der Ärde ert kümmet und geiht.

 

De alde sticked siek en Piepeken an,

in aller seelen Rugge;

und nicket dem schwarten Schkäperhunde

tau sinnen Feuten tau.

 

Hei is sin allebeste Fründ,

de ümmer tau erm hält

un de ert erlick mit erm meint.

wie kenner up der Welt.

 

Ref: De alde Schkäper up einsamen Felde

Kennt sinne Herde un auk de Welt.

Hei lächelt wiese, weil hei ert versteiht,

dat Glücke der Ärde ert kümmet und geiht.

 

Für alle Sorjen, enen Rot;

weit kenner sau wie hei,

un all de alden Märchen kennt,

wie hei kenner mäh.

 

Hei kücket in jedes Menschkenherte,

ob ener arm ob rieck.

Hei hilped erm,denn hei weit,

de Tied maket alle Menschken gliek.

 

Ref: De alde Schkäper up einsamen Felde

Kennt sinne Herde un auk de Welt.

Hei lächelt wiese, weil hei ert versteiht,

dat Glücke der Ärde ert kümmet und geiht.

 

Schäfer bei Köhne in Bredelar 1947 Wilhelm Kappe

Das Foto bildet den Schäfer Wilhelm Kappe samt seiner Herde auf den Wiesen des Klostergutes in Bredelar ab. Die Aufnahme entstand 1947.

 

Schäfergeschichte

In früheren Jahren wohnten in vielen Häusern mehrere Generationen zusammen.

So war das in unserem Hause auch. Wir hatten einen alten Onkel. Er war von Beruf Schäfer. In jungen Jahren war er in den Nachbardörfern bei den Bauern und hütete deren Schafe. Die Schafe waren genügsam, denn auf den Wiesen, auf denen sie grasten, war der Boden steinig und zu der Regenseite saftig und grün. So kam unser Petter, so nannten wir ihn, viel in der Gegend herum. Er hütete auch bei den Schäfern an der Weser und in Iserlohn. In dieser Zeit hatte ich viele Kindertage mit ihm verbringen können. Im Laufe der Jahre hatte er seine eigene Herde, mit seinen beiden Schäferhunden, die bei uns nachts in der Hundehütte untergebracht wurden. Wenn ich nicht zur Schule musste, nahm er mich mal mit. Dann gingen wir zu Fuß der Sonder, Büh oder der Seere rauf. Unterwegs zeigte mir unser Petter einen Steinbruch, mit etwas Moos bezogen.

Das war eine Hasenkuhle, dort waren die Hasen immer zu Hause. Dann waren an einem dicken Baumstamm große Löcher zusehen, das waren Wohnungen von einem Specht. Da waren auch groß gebaute Ameisennester, bei denen die Arbeiter so emsig zu Gange waren. Auf einmal kam ein Uhu über uns geflogen. Langweilig war es mir nie. Da kamen wir zu seinen Schafen. Die waren in den Hürden auf dem Luzernenfelde bei Welleringhausen. Wir nannten es auf der Halle. Jetzt wurden die Hürden aufgemacht. Die Hunde Prinz und Munter wurden vom Onkel instruiert, wie sie laufen mussten und dann wurde eine bestimmte Gegend gehütet. Nun hatte ich Hunger, das Hasenbrot (Geklappte Brotscheiben mit roter Wurst, Hawermegger (Dauerwurst) oder gekochtem Ei), Äpfel und Birnen wurden herbeigekramt. Dabei hatte der Petter die Schafe immer im Auge, das kein Lamm verloren ging.

Dann war auch mal ein Schaf am Humpeln. Petter nahm den Stapelstock um das Schafsbein herum und packte es vor sich. Mit dem Taschenmesser pruckelte er lange in dem Hufen herum, bis es wieder laufen konnte. Auch machte er mir vom Haselnussbusch einen dickeren Ast ab. Beschnitt ihn an ein paar Stellen. Dies war dann eine Flötepfeife. Mit so ein paar grünen Blättern konnte man Musik machen. Die hält man vor die Lippen, dass es vibriert.

Die Rehe und Hasen, Füchse, Eichhörnchen und Eulen, so wie die Fledermäuse, die tagsüber unter den Scheunendächern hingen, habe ich zu sehen bekommen. Ach, war das schön, wenn ich in den Bergen bei den kleinen Bächen das Wasser trinken konnte, wenn auch die Mücken darüber flogen. Man machte die Hände zu einer Mulde und so floss das Wasser darein und nun konnte ich das schlürfen. Es gab noch viel im Berge oder auf den Lichtungen, auch Erdbeeren habe ich gepflückt. Himbeeren und Heidelbeeren waren genug da, das war für uns Kinder eine Abwechslung und wir hatten immer was zu tun. In dieser Zeit habe ich einiges gelernt und so blieb das in Erinnerung.

Im Winter waren die Schafe bei uns in der Scheune, auch mal im alten Schäferstall bei unserem Nachbarn. Nun mussten sie gefüttert werden, dann durfte ich helfen. Heu und Stroh war ihre Nahrung. Im Frühjahr kamen die kleinen Lämmchen zur Welt, die mussten manchmal mit der Flasche gefüttert werden, das war eine feine Arbeit für mich.

Im Sommer, wenn der Onkel und ich unterwegs waren, war es oft spät, wenn wir wieder nach Hause kamen. Oft blieb der Petter auch nachts bei seiner Herde, dann schlief er in seinem Schäferwagen. Da verbrachte er die Zeit mit so ein paar Liedern auf den Lippen. Und nun will ich eines vorlesen:

 

Schäferlied

Der Alte Schäfer

 

Steht über´m Dorf der erste Stern

und wird es langsam Nacht,

dann hält der alte Schäfer noch

bei seiner Herde wacht.

 

Geht dann der runde – Vollmond auf,

wird Stille weit und breit,

dann summt der Alte leis`

ein Lied aus seiner Jugendzeit:

 

Ref: Der Alte Schäfer – auf einsamen Feld,

kennt seine Herde – und auch die Welt.

Er lächelt weise – weil er es versteht,

das Glück der Erde – es kommt und geht.

 

Der Alte steckt sein Pfeifchen an,

in aller Seelenruh´;

und nickt dem schwarzen Schäferhund,

zu seinen Füßen zu.

 

Er ist sein allerbester Freund,

der immer zu ihm hält;

und der es ehrlich mit ihm meint,

wie keiner auf der Welt.

 

Ref: Der Alte Schäfer – auf einsamen Feld,

kennt seine Herde – und auch die Welt.

Er lächelt weise – weil er es versteht,

das Glück der Erde – es kommt und geht.

 

Für alle Sorgen, einen Rat,

weiß keiner so wie er;

und all´ die alten Märchen kennt,

wie er wohl keiner mehr.

 

Er schaut in jedes Menschenherz,

ob einer arm, ob reich,

er hilft ihm denn er weiß,

die Zeit macht alle Menschen gleich.

 

Ref: Der Alte Schäfer – auf einsamen Feld,

kennt seine Herde – und auch die Welt.

Er lächelt weise – weil er es versteht,

das Glück der Erde – es kommt und geht.

 

Schweinehirt Kipphardt bei Köhne auf dem Feld 1947

Die Aufnahme zeigt den Schweinehirt Kipphardt auf dem Felde des Klostergutes in Bredelar. Das Foto ist aus 1947.