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Die Wanderarbeitsstätte „St

2. Februar 2016
Die Wanderarbeitsstätte „St. Christophorushaus“ – Urkunden zum Niedermarsberger Gebäude sind das Fundstück des Monats Niedermarsberg. Die wenigsten Marsberger kennen den Ursprung dieses in der Geschichte bedeutsamen Gebäudes in der Wallmei in Niedermarsberg: das ehemalige „St. Christophorushaus“. Der Marsberger Geschichts- und Heimatverein „Marsberger Geschichten – Schlüssel zur Vergangenheit e. V.“ erhielt für das Museum „Haus Böttcher – Marsbergs Haus der Geschichte aus 1589“ zu dieser damaligen Wanderarbeitsstätte geschichtsaufhellende Urkunden und Aufzeichnungen, die den Sinn dieser Stätte durchleuchten. Diese Dokumente wurden nun zu Marsbergs Fundstück des Monats Januar 2016 prämiert. Die historischen Dokumente sind überwiegend aus den 1930er Jahren. In der Standortbeschreibung der alten Bauakte steht geschrieben: „Diejenigen, die am Sägewerk Prior vorbeigehen und das schmucke Gebäude der Wanderarbeitsstätte vor sich sehen, oder die mit der Bahn die Strecke Hagen-Kassel befahren, wissen, um was es sich beim Christophorushaus in der Wallmei handelt…“. Ein Original-Bericht der damaligen Zeit beschreibt wunderbar weitere Details: „…Viele wissen noch, wie da unten eine Holzwarenfabrik errichtet wurde, die dann nach kurzem Betrieb bis auf die Umfassungsmauern und das Wohnhaus vor ungefähr einem Jahrzehnt ein Raub der Flammen wurde. Viele wissen noch, daß die öden Räume jahrelang ohne jede Verwendung lagen – bis sich der Kreis Brilon des Komplexes annahm und in den Jahren 1929/30 das Gebäude ausbauen und wiederherstellen ließ.“ Im Juni 1930 wurde die Wanderarbeitsstätte St. Christophorushaus eröffnet. Mit verhältnismäßig geringen Mitteln (für den Erwerb des Grundstücks, für den Bau und die innere Einrichtung wurden insgesamt 45.000 RM verausgabt) war die ehemalige Fabrik mit anliegendem Wohnhaus zu einer Wanderarbeitsstätte umgewandelt worden. „Es ist ein prunkloser, aber solider Bau, in hellen, heiteren Farben gehalten… Der Flachbau von 30m Länge schließt sich unmittelbar an das dreistöckige Wohnhaus an und ist damit eng verbunden. Das mit einem eigenen Eingang versehene Wohnhaus ist hergerichtet für die Wirtschaftsräume der Wanderarbeitsstätte und für das Büro und die Wohnung der Hauseltern. Außerdem enthält es im Erdgeschoß einen Schlaf- und Tagesraum für die jugendlichen Gäste der Arbeitsstätte sowie im Obergeschoß verschiedene Kammern für Kostgänger.“ Das einstöckige Langhaus war für die eigentliche Wanderarbeitsstätte und Herberge bestimmt. Am Haupteingang und an der Küche gelegen waren 2 Tagesräume, ursprünglich getrennt für die Wanderscheinleute und die Selbstzahler. Daran schlossen sich, durch den mit weißen Fließen versehenen Bade- und Desinfektionsraum voneinander getrennt, zwei Schlafsäle mit insgesamt 36 Betten, die beide mit einer Waschkaue versehen waren, an. „Ordnung und Sauberkeit leuchten aus jedem Raum und Winkel des Hauses hervor. Der Flur schließt ab mit einem kleinen Raum, der zugleich als Zimmer für den Helfer des Hausvaters – der Helfer ist ein ehemaliger junger Wanderer – und als Gepäckaufbewahrung dient.“ Daneben befand sich dann der Raum für die Obdachlosen, der nur von draußen durch einen eigenen Eingang zugänglich war und dadurch mit Absicht von der übrigen Herberge abgesperrt wurde. Der Bericht weiter: „Für die wichtige durch die Wanderarbeitsstätten angestrebte und durchgeführte Arbeitsfürsorge an den Herbergsgästen ist hinter dem Hause ein geräumiger Arbeitsschuppen angelegt. Ebenfalls unmittelbar hinter der Herberge ist anfangs ein Gelände von 70 ar angekauft worden, dazu später der frühere Sportplatz und ein weiterer Morgen Land. Insgesamt 7 Morgen sind im Laufe der Jahre von den Wanderern für Gemüse- und Kartoffelanbau urbar gemacht worden, sodaß sich die stets wechselnden Gäste der Wanderarbeitsstätte durch den Fleiß der Hände selbst ihre Nahrung schaffen.“ Die Wanderarbeitsstätte Niedermarsberg, die dem Kreis Brilon gehörte und durch den Schutzvorstand des kath. Gesellenvereins betreut wurde, konnte schon in den ersten fünf Jahren ihres Bestehens „auf eine erfolgreiche und segensreiche Tätigkeit zurückblicken.“ In dieser Zeit wurden hier annähernd 20.000 Wanderer, Menschen jeden Standes und Alters – die Altersstufen bewegten sich meist zwischen 18 und 70 Jahren – verpflegt und beherbergt. Die Wanderarbeitsstätte betrieb „Arbeitsfürsorge, um den Wanderern den Segen der Arbeit zukommen zu lassen. Der ganze Betrieb ist fein organisiert. Im Sommer gegen 6 Uhr ist Wecken, im Winter gegen ½ 8 Uhr. Von jedem, der hier Unterkunft erhält, wird vormittags eine seinen körperlichen und geistigen Kräften entsprechende dreistündige Arbeit verlangt. Am Abend wird die Geselligkeit gepflegt. Ein Rundfunkgerät trägt zur Unterhaltung nicht unwesentlich bei. Als Bindeglied an der vielbegangenen Wanderstrecke Kassel-Bochum zwischen den Wanderarbeitsstätten Warburg und Meschede gelegen, trägt die Niedermarsberger Wanderarbeitsstätte den Wünschen und Ansprüchen, die man an einen modernen Herbergsbau stellen muß, weitgehend Rechnung und wird von berufener Seite gewissermaßen als Musterbau einer Wanderarbeitsstätte kleineren Umfanges angesprochen.“ Der damalige Bericht zeigt die Not und das Elend der Menschen in der schwierigen Zeit auf. Er beschreibt aber auch die Wanderarbeitsstätte in Niedermarsberg als Segen für „Arbeitssuchende, „örtlich Vertriebene“ oder „Ausländigstammende“. Die Zahlen zeigen, dass sich die Wanderarbeitsstätte Niedermarsberg in dem Wandernetz erst „einlaufen“ musste. „Unter den Wanderern sind die geordneten Wanderer zu verstehen, die mit Wanderscheinen wandern. Unter den Selbstzahlern befanden sich Bettler, Musikanten, Touristen, ja sogar Schulen, die die Wanderarbeitsstätte in Ermangelung einer Jugendherberge zur Unterkunftsstätte wählten. In den Wintermonaten war die Zahl der Wanderscheinleute, die in der Wanderarbeitsstätte Unterkunft und Verpflegung fanden, am Größten. Für das Jahr 1935 ist eine zusätzliche Statistik belegt: 125 Wanderer erhielten für ihre abgerissenen Kleidungsstücke Bessere. 20 Paar neue Schuhe wurden „verausgabt“. 46 Revierkranke wurden vom Wohlfahrtsamt dort in 158 Verpflegungstagen betreut. 60 Wanderer wurden vom „Christophorushaus“ aus behandelt, sodass sie nicht die öffentliche Fürsorge in Anspruch nehmen brauchten. 14 Wanderer haben im Frühjahr 1935 in den umliegenden Bauernschaften Arbeit und Brot gefunden. Dem Herbergsbetrieb angeschlossen war ein Ledigen-Heim. Nähere Informationen zum Fundstück des Monats finden Sie unter: www.Marsberger-Geschichte.de Fotos im Anhang: 01 Die Zeichnung aus dem Jahr 1930 zeigt die Südseite der Wanderarbeitsstätte „St. Christophorushaus“ in der Wallmei von Niedermarsberg. 02 Das „Christophorushaus“ in der Wallmei von Niedermarsberg. – Die Aufnahme ist aus der Zeit um 1960. Das Langhaus ist zu diesem Zeitpunkt schon aufgestockt worden. 03 Eine aktuelle Aufnahme des ehemaligen „Christophorushauses“, Christopherusweg 12, in der Wallmei von Niedermarsberg. Die Zahlen über die Unterkunft und die Verpflegung der Wanderarbeitsstätte Niedermarsberg: Jahr Wanderer Verpflegungs- Selbst- Über- tage zahler nachtungen 1930 696 1220 - - 1931 2199 3376 1055 2219 1932 2384 3300 1285 2348 1933 2839 4146 1128 2084 1934 3295 4814 651 1488 1935 2812 4061 726 1850 Statistik für das Jahr 1935: Monat Wanderer Verpfleg- Selbst- Übernac- ungstage zahler htungen Januar 311 422 71 151 Februar 276 420 44 65 März 278 408 44 129 April 212 335 39 129 Mai 216 296 64 110 Juni 180 280 55 152 Juli 145 194 80 196 August 161 210 81 138 September 186 251 76 214 Oktober 181 258 61 175 November 281 396 50 182 Dezember 385 591 61 175 #Marsberg #Niedermarsberg #Christophorushaus #Wanderarbeitsstätte #FundstückdesMonats #Wallmei #MarsbergerGeschichte #MarsbergerGeschichten #Museum #HausBöttcher #HausderGeschichte #KreisBrilon #Gesellenverein #UnserMarsberg #Langhaus